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BUCHBESPRECHUNG/223: Klaus Eichner - Bis alles in Scherben fällt. Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung (Gerhard Feldbauer)


Bis alles in Scherben fällt

Kampf um die Weltherrschaft

Die USA in den Fußstapfen der Hitlerfaschisten

von Gerhard Feldbauer, 24. Oktober 2022


Besser kann man es im Titel nicht ausdrücken: "Wir werden weiter marschieren, / Wenn alles in Scherben fällt. / Denn heute gehört uns Deutschland, / Und morgen die ganze Welt." So sangen es die Hitlerfaschisten. Und so wollen die USA heute weiter marschieren, im Wahn, die Weltherrschaft zu erobern, auch wenn alles in Scherben fällt.

Zum Thema ergreift ein Experte das Wort. Klaus Eichner, von 1974 bis 1989 Chefanalytiker der US-Geheimdienste in der HVA, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR, dem man nachsagte, ein Meister des Metiers gewesen zu sein. Eichner legt mit fundierten Beweisen dar, dass mit dem Untergang der UdSSR und ihres Warschauer Paktes die bipolare Welt zerbrach, aber dass das nicht das Ende der Geschichte war, sondern der Beginn eines neuen imperialen Zeitalters, in dem die USA um die Durchsetzung einer von ihnen beherrschten neuen Weltordnung kämpfen. Der von ihnen mit der NATO in der Ukraine entfesselte Krieg, auf den er ausführlich eingeht, ist nicht das erste Schlachtfeld in der Auseinandersetzung um ihre Vorherrschaft. Und in Kenntnis der US-Vergangenheit fürchtet Eichner, dass es auch nicht der letzte Krieg sein wird, den sie vom Zaune brechen. Ihren Niedergang als Großmacht werden sie jedoch nicht aufhalten können.

Der Autor beginnt mit dem Treffen von Michail Gorbatschow und George Bush auf dem Kreuzfahrtschiff "Maxim Gorki" im Hafen von Valetta auf Malta am 1./2. Dezember 1989. Drei Wochen vorher war mit dem Fall der Mauer in Berlin für die USA/NATO der "Eiserne Vorhang" nach Osten gefallen. Angeblich ging es um einen "Meinungsaustausch über die Veränderungen in Osteuropa" und die Frage, wie es weitergehen sollte. Gorbatschow gaukelte sich und seinen Verbündeten im Warschauer Pakt vor, mit der Perestroika ein "mutiges Konzept" zur ökonomischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Umgestaltung der UdSSR und ihres Platzes in einem gemeinsamen Europäischen Haus zu besitzen, während er "das Heft des Handelns" schon nicht mehr in der Hand hielt. Bush dagegen hatte bereits klare Pläne, wie es weitergehen sollte, die er natürlich tunlichst verschwieg. Er beschränkte sich auf eine Erklärung diplomatischer Höflichkeit ohne jede Bedeutung: "Wir können einen dauerhaften Frieden verwirklichen und die Ost-West-Beziehung in eine ständige Zusammenarbeit umwandeln." Eine "Unterzeichnung von offiziellen Dokumenten oder Verträgen war nicht vorgesehen", ebenso blieben die USA auch später bezüglich der Nichtausdehnung der NATO über die Oder hinaus lediglich bei mündlichen Zusagen, die der Dilettant Gorbatschow auch so hinnahm.

Zu dieser Zeit hatte Bush bereits eine "European Strategy Steering Group" unter Leitung seines Vize-Sicherheitschefs Robert Gates gebildet, die in Bonn das weitere Vorgehen gegen die DDR in die Hand nahm und den pensionierten Geheimdienst-Experten, Drei-Sterne-General Vernon Walters, aktivierte, damit er in Bonn als Botschafter das Kommando übernehme. In Bonn angekommen, erklärte dieses "Schlachtross des Kalten Krieges", wie ihn Egon Bahr nannte, am 10. Januar 1990 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Eine meiner Hauptaufgaben ist es, die Letzte Ölung zu geben, kurz bevor der Patient (die DDR) stirbt", oder anders ausgedrückt, "dem sowjetischen Sicherheitssystem das Herz herauszureißen". Walters war, so Eichner, in der "Grand Strategy" Bushs "die Schlüsselfigur bei der Liquidierung des europäischen Sozialismus".

Bevor der Autor sich dem heutigen Weltherrschaftsstreben der USA zuwendet, stellt er voran, dass die USA seit ihrer Gründung 1776 mehr als 200 Kriege geführt haben, ohne jemals selbst angegriffen worden zu sei, und dass bei den von den USA seit 1946 geführten Kriegen, Interventionen, Terroranschlägen, Putsch- und Umsturzversuchen auf den Territorien anderer Staaten fast sieben Millionen Menschen starben. Die 1989/90 nachfolgenden Ereignisse sind bekannt, so der Autor. Heute steht die seitdem von 16 Mitgliedern auf 30 angewachsene NATO "mit ihren Truppen an der Grenze der Russischen Föderation. Der Kalte Krieg ging damals keineswegs zu Ende, und auf dem Territorium der ehemaligen ukrainischen Sowjetrepublik tobt seit Februar 2022 sogar ein heißer Krieg". Diesen Krieg auf einen Konflikt zwischen russischen und ukrainischen Oligarchen zu reduzieren, "bagatellisiere dessen Anlass und Dimension". Es sei "auch nicht nur ein Stellvertreterkrieg des Westens gegen den Osten (oder umgekehrt). Er ist im Kern der nunmehr offen militärische Kampf um die Durchsetzung einer neuen Weltordnung", in der die USA die Führung beanspruchen. Dabei hatte bereits US-Präsident Obama die Stirn, "die Russische Föderation - fast ein Sechstel der Erde - mit vorsätzlicher Arroganz zur Regionalmacht" zu erklären. Dabei verfügt dieses Russland "über das zweitgrößte Arsenal an Nuklearwaffen weltweit und ist immer noch Veto-Macht im UN-Sicherheitsrat".

Eichner umreißt die völkerrechtswidrigen Kriege und Operationen, die die USA und die von ihr beherrschte NATO seitdem führten, und spannt den Bogen von der Zerschlagung des blockfreien Jugoslawien mit dem Luftkrieg gegen Serbien, dem illegalen Kosovo-Krieg der NATO, den Golfkriegen mit dem mit Großbritannien geführten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Irak, wie er in Nürnberg verurteilt wurde, dem nach dem mysteriösen Anschlag auf das World Trade Center in New York entfesselten sogenannten "Krieg gegen den Terror" und der Intervention in Afghanistan bis zu den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten, in Teilen Afrikas und den Territorialstreitigkeiten in Südostasien und der Erklärung Russlands zur größten Bedrohung und der Chinas zur Herausforderung.

Nichts könne jedoch darüber hinwegtäuschen, dass die USA eine im "Niedergang befindliche Großmacht" und "die Zeiten als Hegemon" vorbei sind.

Eine Straffung und Abgrenzung der Kapitel, ein Literaturverzeichnis und Personenregister wären für den Leser nützlich gewesen.

Klaus Eichner
Bis alles in Scherben fällt
Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung
edition ost, Berlin 2022
16 Euro (D)
ISBN 978-3-360-02807-5, 16 Euro (D)

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Quelle:
© 2022 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 11. November 2022

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