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MEMORIAL/249: Zum 55. Todestag von Ernesto "Che" Guevara (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Lateinamerika
Zum 55. Todestag von Ernesto "Che" Guevara

Von Volker Brauch



Che Guevara und Raúl Castro nebeneinander sitzend und Pfeife rauchend, Castro hat seinen Arm um Guevaras Schulter gelegt - Bild: AnonymousUnknown author, Public Domain, via Wikimedia Commons

Ernesto "Che" Guevara mit Raúl Castro, 1958
Bild: AnonymousUnknown author, Public Domain, via Wikimedia Commons

Der Revolutionär "Che" Guevara gilt bis heute als Symbolfigur für eine bessere Welt. Ein Blick auf sein Leben und seine Ideen.

(Berlin, 5. September 2022, npla) - Am 9. Oktober dieses Jahres jährt sich der Todestag von Ernesto "Che" Guevara zum 55. Mal. Ein Grund, sich an einen großartigen Menschen und überragenden Revolutionär zu erinnern. Kaum ein Menschenleben wird in solch einer Widersprüchlichkeit gesehen, an dem sich die Geister scheiden. Unerschrockener Revolutionär, Humanist, Guerillero, Hoffnungsträger der Unterdrückten, Internationalist und Antiimperialist, Kämpfer gegen Bürokratie und Korruption, charismatische Persönlichkeit, Mythos, Symbolfigur und Legende - Guevara war und ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit von enormer Strahlkraft.

1928 wird Ernesto Guevara de la Serna im argentinischen Provinzstädtchen Rosario in begüterten Familienverhältnissen geboren. Die Familie musste aus gesundheitlichen Gründen (Guevara war zeitlebens Asthmatiker) mehrfach in Argentinien umziehen. 1944 begann der wirtschaftliche Abstieg der Familie, ein weiterer Wohnungswechsel nach Buenos Aires wurde nötig. Nach dem Abitur begann er ein Medizinstudium. In dieser Zeit unternahm er mit einem Freund eine einjährige Reise durch den lateinamerikanischen Kontinent und lernte zum ersten Mal die sozialen Verhältnisse in den verschiedenen südamerikanischen Ländern kennen, was ihn entscheidend prägte. Nach einem gescheiterten Versuch einer Beteiligung an einer legalen Regierung in Guatemala floh er nach Mexiko. Ab dort begann Guevaras politische Biografie als aktiver Revolutionär. Hier lernte er Raul, später Fidel Castro kennen und eine Gruppe Überlebender eines Angriffs auf die Kasernen von Moncada und Bayamo in Kuba.


Erfolg der Kubanischen Revolution

Um beim nächsten geplanten Versuch das Batista-Regime zu stürzen besser vorbereitet zu sein, nahm er an der Ausbildung in einem Guerilla-Trainingslager auf der Ranch eines Freundes mit anderen teil. 79 Rebellen setzten dann am 25. November 1956 mit einer umgebauten Luxusjacht von Mexiko aus nach Kuba über. Zu dem Zeitpunkt war Guevara 28 Jahre alt. Das Schiff wurde von der Armee aufgebracht, und nach einem Gefecht überlebten den Landungsversuch lediglich zwölf Rebellen, unter ihnen Guevara und die Castro-Brüder. Von dort an operierte diese Guerilla aus Verstecken heraus gegen die Batista-Armee. Nach kaum mehr als zwei Jahren konnte die Batista-Diktatur vertrieben werden, und die Rebellen zogen am 2. Januar 1959 siegreich in der Hauptstadt ein. Der Erfolg der Guerilla konnte nur durch die enge Verbundenheit und Zusammenarbeit mit der bäuerlichen Bevölkerung gelingen. Die ökonomische Lage der Zuckerarbeiter*innen und der bäuerlichen Bevölkerung war katastrophal und hatte sklavenähnliche Zustände, zumal sie nur kurze Zeit im Jahr Arbeit fanden. Bereits vor der Aufnahme der Guerilla-Tätigkeit gab es Aufstände, Streiks und Widerstand. In der Zeit wurde Guevara Kommandierender des 8. Invasionszuges der Guerillaarmee. Seine harten und verlustreichen Erfahrungen fasste er in seinem Buch "Der Guerillakrieg" 1960 zusammen. Jegliche Aspekte von Taktik und Kriegsform des Guerilla-Kampfes in ländlichen Gebieten werden detailliert dargestellt.

Mit der Übernahme der politischen Macht in Havanna begann ein neuer Abschnitt. Guevara übernahm zunächst die Abteilung Industrialisierung des Nationalen Instituts für Agrarreformen, wurde Ende 1959 Präsident der Nationalbank und 1961 Industrieminister der revolutionären Regierung Kubas. Sein Versuch, dem Land zügig einen technisch-industriellen und autonomen Aufbau zu ermöglichen, scheiterte zunehmend an den ökonomischen Voraussetzungen, den kaum vorhandenen Ressourcen und drückenden Weltmarktpreisen. Im Kern waren als produktive Faktoren die ländliche Arbeitskraft, große Zuckerrohrfelder als Erbe der spanischen Kolonisation und landwirtschaftliche Produkte vorhanden. Über eigene Rohstoffe verfügt Kuba so gut wie nicht. Auch die Voraussetzungen einer zentralen wirtschaftlichen Leitung steckte in den Kinderschuhen.


Kongo und Bolivien

Guevaras zunehmend radikale Kritik an den politischen Zuständen der "realsozialistischen Bruderländer" und seine erfolglosen Initiativen gegen eine zunehmende Bürokratisierung in den Gewerkschaften, Verwaltung und Ministerien führte ihn auf eine längere Reise. Die internationale Unterstützung von Befreiungsbewegungen weltweit brachte ihn, trotz Differenzen mit afrikanischen Führungspersönlichkeiten, in den Kongo, um die dortige Revolutionsarmee zu unterstützen. Wenige Monate Aufenthalt dort genügten Guevara als Pragmatiker und Realist, um die Aussichtslosigkeit des Unternehmens zu erkennen.


Che Guevara hält zwei kleine Kinder auf dem Schoß, dicht neben ihm steht ein Mann, der sich zu ihm herabbeugt, Mann und Kinder sind sehr ärmlich gekleidet - Bild: Museo Che Guevara, AnonymousUnknown author, Public Domain, via Wikimedia Commons

Ernesto "Che" Guevara in Bolivien, 1967
Bild: Museo Che Guevara, AnonymousUnknown author, Public Domain,
via Wikimedia Commons

Nach kurzer Rückkehr wurde die letzte Station seines Lebens Ende 1966 vorbereitet. Mit der Unterstützung einer Abspaltung der bolivianischen Kommunistischen Partei sollte er seinen Guerilla-Kampf in den Bergen Boliviens aufnehmen. Ohne taugliche Informationen und ohne Kontakt zu lokalen Unterstützer*innen wurde seine Gruppe von den örtlichen Militärs aufgerieben, umzingelt und vernichtet. Nach seiner Verwundung und Gefangennahme wurde er ermordet und verscharrt. Später fand sein mumifizierter Leichnam zusammen mit denen seiner Kampfgenossen seine letzte Ruhestätte in einem nationalen Mausoleum und Gedenkstätte auf kubanischem Boden.


Der Partisanenkrieg

In zahlreichen Schriften, Reden und Briefen, nicht zuletzt in seinem Buch "Der Partisanenkrieg" legt Guevara seine Revolutionsstrategien als Methode dar. Eine der zentralen Auffassungen Guevaras ist, "sich nicht von dogmatischen Auffassungen leiten zu lassen, den Kampf der Massen in den Städten konzentrieren zu wollen und dabei völlig die gewaltige Rolle der Landbevölkerung im Leben aller schwachentwickelter Länder Amerikas zu vergessen." Für ihn war der revolutionäre Partisanenkrieg die "hauptsächliche Kampfform eines Volkes, das für seine Befreiung kämpft." Der Guerilla-Krieg war im Kern der Kampf der Massen, wobei die Partisaneneinheiten lediglich "die kämpfende Avantgarde des Volkes sind", die aus den objektiven Lebensbedingungen der unterdrückten Landbevölkerung erwächst. Der Kampf um Befreiung strebt die politische Machtübernahme an. Die bewaffnete Einheit, unterstützt von der örtlichen Bevölkerung, operiert in Gebieten, die für Militär und Polizei unzugänglich sind, schlägt mit Überraschungsangriffen zu, um sich blitzschnell zurückzuziehen, immer mit dem Ziel, auch Waffen für weitere Angriffe zu erbeuten. Im Kampf der Guerilla geht es um die Eroberung von Grund und Boden, der durch eine umfassende Land- und Eigentumsreform den landlosen Bäuerinnen und Bauern zurückgegeben werden sollte. Unter der Batista-Diktatur musste sich die Mehrheit der Landarbeiter*innen noch unter sklavenähnlichen, despotischen Arbeitsverhältnissen verkaufen.

Für die Organisation der Arbeiterklasse schreibt Guevara: "Später kann man dann mit den organisierten Massen in den Arbeitergebieten zusammenarbeiten. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit muss der Generalstreik sein." Die vollständige gesellschaftliche Veränderung stellte den Fixpunkt dar, den der "Jesuit des Krieges" erkämpft. Die Lehren und Erfahrungen im Partisanenkrieg werden im Sinne eines Lehrbuchs vermittelt. Verwendung von Waffen, das Herstellen von Panzerfallen, der Umgang mit dem Mangel an Munition, Aufbau eines Informations- und Verbindungswesens, Angriffs- und Rückzugsstrategien, politische Überzeugungsarbeit unter der ländlichen Bevölkerung und viele Aspekte mehr sind Thema des Buches.

Die Kernfrage der kubanischen Revolution und der lateinamerikanischen Revolutionen war die Frage des Verhältnisses zwischen objektiven und subjektiven Faktoren in einem speziellen geschichtlichen Stadium der Gesellschaft. Für Guevara gab es die Gewissheit, dass die Revolution nicht zu warten habe, bis die objektiven Verhältnisse den Umsturz wie reife Früchte vom Baum fallen lässt. Stattdessen werden die objektiven Bedingungen durch die subjektive Tätigkeit der bewaffneten Avantgarde forciert und zur Reife gebracht, bis sie die Revolution objektiv ermöglichen. Da die revolutionäre Avantgarde in der Lage ist, wenn "genügend objektive Bedingungen für die Sozialisierung der Arbeit existieren, Etappen zu überspringen", sind sie in der Lage, den Sozialismus aufzubauen. Diese Grundfrage ist nicht nur für den amerikanischen Kontinent nach wie vor von Bedeutung.


Partei und Masse

Beim Aufbau einer neuen Gesellschaft stellt die Partei für Guevara den entscheidenden Motor dar. Die von der marxistisch-leninistischen Ideologie bestimmte Partei sieht ihm zufolge "die zu realisierenden Schritte voraus und forciert den Lauf der Ereignisse." Aufgabe der Partei ist die beschleunigte Entwicklung des Bewusstseins der Masse und damit der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Die Partei übernimmt die Aufgabe, das revolutionäre Ganze durch Lehre und Erziehung voranzubringen. Guevara formuliert in "Der Sozialismus und der Mensch in Kuba", "dass die Masse ohne Zögern ihren Führern folgt", da diese sich das Maß an Vertrauen durch die "vollkommene Interpretation der Wünsche und Sehnsüchte des Volkes und den aufrichtigen Kampf für die Erfüllung" erworben haben. Kritik an Fehlern und Versäumnissen innerhalb der Partei war dadurch nicht ausgeschlossen, aber immer mit dem Ziel einer verbesserten Verbindung zu den Massen durch Initiativen höherer Regierungsebenen. Um das richtige Instrument der Mobilisierung der Massen zum Aufbau des Sozialismus zu wählen, ging Guevara weniger von materiellen Anreizen aus, wie unter kapitalistischen Verhältnissen, sondern von der Forcierung und Potenzierung moralischer Anreize, die es bewusst zu entwickeln galt. Der Erziehungsapparat des Staates, Erziehungsministerium und Partei, sorgen für eine neue technische und ideologische Kultur, die in der Gesellschaft zur Normalität wird.

Diese vereinfachte Sichtweise impliziert der Partei zwangsläufig die Rolle des Subjekts, den Massen die Rolle des Objekts zuzuschreiben. Ein dialektisches Verhältnis zwischen den beiden Polen kann sich derart nicht entwickeln - ein mehr als problematischer Ansatz. Die Frage ist, wer die Entscheidungen trifft. Trotz seinen ernstzunehmenden egalitären Versuchen bürokratische Auswüchse und Korruption zu verhindern, enthält dieser politische Ansatz einen entscheidenden Geburtsfehler. Die aktive, selbstbestimmte Mitarbeit aller am Wirtschaftsprozess Beteiligter findet nicht statt. Freie Diskussionen in den jeweiligen Arbeitsbereichen um alternative Lösungen zu diskutieren, politischer Pluralismus, freie Entscheidungsmöglichkeiten und Prioritätenfestlegungen außerhalb der Partei, autonome Planungen der Bäuerinnen, Bauern und Arbeiter*innen waren in diesem Modell nicht vorgesehen. Eine geplante Selbstverwaltung der assoziierten Produzent*innen konnte sich unter diesen Prämissen nicht entwickeln. Die Parallele zum bürokratischen Sowjetmodell russischer Prägung liegt offen auf der Hand.


Internationalismus und die sozialistischen Bruderländer

Für Guevara war, entsprechend dem vereinfachten Blockdenken der 60er Jahre, die Welt in zwei Hälften aufgeteilt: auf der einen Seite der weltweite Yankee-Imperialismus in Verbindung mit nationalen Bourgeoisien und Diktaturen der unterentwickelten Staaten, auf der anderen Seite die Ergebnisse der Kubanischen Revolution, die internationalen Befreiungsbewegungen und die Solidarität und Unterstützung der sogenannten "sozialistischen" Staaten. Nach der Machtübernahme in Havanna kam es zu Wirtschaftsverträgen zwischen Kuba und der UdSSR. Zuckerrohr gegen Öl, um den wirtschaftlich-technologischen Aufbau zu ermöglichen. Diese anfängliche, naive Position bekam allerdings schnell Brüche.

Spätestens seit der Erfahrung der Kubakrise und dem Abzug russischer Raketen von der Insel durch das amerikanische Ultimatum erkannte Guevara den Vorrang separater russischer Staatsinteressen auf Kosten der Solidarität der beiden befreundeten Staaten. In seinen Reden und Schriften zeigten sich mehr und mehr kritische Stellungnahmen gegenüber dem "realen Sozialismus", den Erben des Stalinismus. In Guevaras berühmter Rede in Algier im Februar 1965 rief er die "realsozialistischen" Staaten auf, "ihre stillschweigende Komplizenschaft mit den westlichen Ausbeutungsländern zu beenden." Er fügte hinzu: "Es kann keinen Sozialismus geben, wenn sich im Bewusstsein nicht ein tiefer Wandel vollzieht hin zu einer neuen brüderlichen Einstellung gegenüber der Menschheit. Dies gilt sowohl für den individuellen Bereich in der Gesellschaft, die den Sozialismus aufbaut, ... wie auch im Verhältnis zu den Völkern." Ausgehend von seiner humanistisch-revolutionären Perspektive erkannte er die Herausbildung der Ungleichheit und die Schaffung privilegierter gesellschaftlicher Schichten aus Technokraten und Bürokraten, die dem russischen Modell eigen war. Bei der Suche nach einem neuen sozialistischen Wirtschaftskonzept, fern der Praxis kapitalistischen Tauschwerts, der Ware und des Marktes, steckte die kubanische Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Wäre die demokratische Kontrolle der Arbeitenden über Produktion und Institutionen das zentrale Element einer sozialistischen Wirtschaftsstruktur gewesen, wäre die Kritik am "realsozialistischen" Modell nicht auf halber Strecke stecken geblieben. Dennoch war Guevara klar, dass die Verwirklichung des Sozialismus mit "den morschen Waffen des Kapitalismus" nicht zum Erfolg führen kann. "Sozialistische" Ökonomie als Kopie mit kapitalistischen Methoden wie materielle Anreize, Rentabilität und Konkurrenz, gewinnorientierter Verkauf von Waren und Markt, das waren keine Perspektiven für Kuba.


Person und Symbolfigur

Politischen Fehleinschätzungen und Irrtümern zum Trotz stellt Ernesto "Che" Guevara einen über die Maßen integren Revolutionär und Menschenfreund dar, dessen Mitgefühl den Erniedrigten und Ausgebeuteten in aller Welt galt. Konsequent bis in den Tod blieb er seinen Idealen treu. Weder materielle Verlockungen, Machtmissbrauch oder die Degenerierung als abgehobener Bürokrat waren für ihn akzeptabel. Das forderte er allerdings auch von seinen Mitstreiter*innen. Seine absolute Unbestechlichkeit und die Prinzipienfestigkeit seiner Überzeugungen sind der Grund, warum Che Guevara als Symbolfigur für eine bessere Welt gilt - bis heute.


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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 11. Oktober 2022

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